Schreibworkshop der Klasse 12b im Focke-Museum

Die Klasse 12b hat am 17. Januar die Sonderausstellung des Focke-Museums – „Hans Saebens. Bilder für Bremen (1930-1969)“ – besucht. Der Besuch wurde von der Autorin Betty Kolodzy begleitet, die mit der Klasse einen Workshop zum kreativen Schreiben zu den Fotografien durchgeführt hat. So hatten die Schüler*innen die einmalige Gelegenheit, sich nach einer gemeinsamen Einführung in einzelne Fotografien zu vertiefen und ihren Gedanken zum historischen Bremen freien Lauf zu lassen. Dabei sind vielfältige Ergebnisse entstanden. Fr. Kolodzy war von der Arbeit der Klasse so begeistert, dass sie einzelne Ergebnisse der Ausstellung hinzufügen möchte.

Dies sind zwei Ergebnisse des Workshops:

 

Zum Foto: „Kinder im kriegszerstörten Bremen“

Wenn du die Augen schließ, siehst du ihn noch.

Wenn du dir die Ohren zuhältst, siehst du ihn noch.

Wie er die Namen seiner nächsten Opfer brüllt.

Wie er deinen Namen brüllt.

Du spürst, wie er sich dir immer weiter nähert.

Er weiß, wo du bist, auch wenn du dich versteckst.

Einen nach dem anderen holt er sich und doch vergisst er dich nie.

Betteln, weinen, beten.

Das ist nichts, was ihn aufhalten könnte.

Mitleid und Begnadigung wären nichts, was er kennt.

Wie kann es so etwas Grausames geben?

Wie kann der Tod uns einholen, wenn wir täglich um unser Leben rennen?

Doch es gibt Hoffnung.

Wenn du die Augen öffnest, gibt es keinen Tod, Schmerz oder Leid.

Dann endet dieser Albtraum wie jeder andere.

Doch was, wenn du merkst, dass dies deine Erinnerungen sind?

Hellwach blickst du auf Trümmer und Überlebende voller Kummer

in ihrem Gesichtern.

Und du wünschst dir, deine Augen wären nicht geöffnet.

[Mirlinda, 12b]

Zum Foto: „Roland bei Schneefall“

Es ist ein kalter Dezembernachmittag, das Thermometer ist in die Minusgrade gefallen. Mit ihm fällt der Schnee und mit dem Schnee fallen Bremens Bewohner aus allen Wolken, wenn sie merken, dass sie noch nicht alle Weihnachtsgeschenke beisammen haben. Nur Roland fällt nicht. Roland steht so lange schon auf seinem Podest wie Bremen steht, und Roland hat alle Einwohner von Bremen fallen sehen.

Während die Leute auf der Suche  nach dem perfekten Geschenk unter Rolands Blick über den Marktplatz eilen, werden sie von dem dichten Schneefall durchnässt. Sie schützen sich mit Regenschirmen vor der ungemütlichen Kälte. Nur Roland hat keinen Regenschirm. Roland hat eine kleine Überdachung, gerade groß genug, um sein Haupt zu hüten. Sein Schutz vor Wetter ist ihm ewig und Roland hat schon jedes Wetter erlebt.

Kein Einwohner Bremens möchte im dichten Schneefall draußen stehen müssen. Wer draußen ist, flüchtet in die sichere Wärme eines Hauses. Nur Roland flüchtet nicht. Roland hat ein Schild, um sich zu schützen und ein Schwert, um sich zu wehren. Er ist allen Lagen gewachsen und hat schon jeden fliehen gesehen.

Wer bei dieser Ungemütlichkeit einen Partner bei sich hat, teilt selbstverständlich seinen Schirm mit diesem, um gemeinsam den Umständen zu trotzen. Leid, Schutz und Mut erlebt man zusammen. Nur Roland kennt kein Zusammen. Er stand immer schon alleine, sein Schwert und sein Schild hielt nur er in seinen Händen und unter seinem Dach stand nur er. Er ist allein, aber einsam ist er nicht. Er ist allein, damit alle anderen beisammen sein können. Und er hat schon alle beisammen gesehen.

Bald ist Weihnachten. Alle blicken mit erfreuten Augen darauf. Sie sehen die Schokolade in den Läden, die bereits verpackten Geschenke und die Freude in den Augen der anderen. Nur Roland sieht nicht. Roland weiß. Er weiß um die Freude Bremens, um die Augen, die ihre Freude auch durch den dichtesten Schnee strahlen. Roland weiß von allen in Bremen.

Roland ist, wie er ist, damit Bremen sein kann, wie Bremen ist. Er hat immer über die Bremer gewacht. Er wacht jetzt und auch in Zukunft wird er wachen.

[anonym, 12b]